Digitalisierung und wir. Zwischen Chancen, Gefahren und Perspektiven.

Der Club Alpbach Steiermark lud am 18. November 2019 in Kooperation mit dem Land Steiermark zu einer weiteren Veranstaltung aus der Dialogreihe „Geist & Gegenwart“ in die Aula der Alten Universität. Wie auch der 8. Pfingstdialog, der von 5. bis 7. Juni 2019 auf Schloss Seggau stattfand, stand die Dialogveranstaltung unter dem Generalthema der Digitalisierung.

Barbara Eibinger-Miedl eröffnete die Veranstaltung und identifizierte das Wirtschaftswachstum und die Verbesserung der Lebensqualität als wichtigste Chancen der Digitalisierung für die Steiermark. Mit den Worten „letztlich muss die Digitalisierung den Menschen nützen“, schloss sie die eröffnende Rede.

Danach präsentierte Herwig Hösele das in Zusammenarbeit mit Lojze Wieser herausgegebene Buch „Das digitale Europa“, das die wesentlichen Beiträge des Pfingstdialogs betreffend die entscheidenden Zukunftsfragen Europas am Beginn des digitalen Zeitalters thematisiert. Wieser sieht in der Digitalisierung die große Möglichkeit, Kulturgut zu erhalten sowie Wissen nutzbar zu machen. Hösele betont, dass trotz Digitalisierung keine neue Ethik benötigt werde, es müsse lediglich für die Rechtsdurchsetzung gesorgt werden.

Anschließend eröffnete Sandra Thier (CEO von diego5) die Podiumsdiskussion und empfing Andreas Gerstenmayer (Vorsitzender des Forschungsrates Steiermark und CEO der AT&S AG), Stefanie Lindstaedt von der TU Graz (CEO des Know-Center) sowie Stefan Mangard von der TU Graz am Podium.

(c) Fischer

Andreas Gerstenmayer identifizierte in seinem Eröffnungsstatement die aktuellen Gesellschaftstrends. Dazu würden vor allem die alternde Gesellschaft, die zunehmende Urbanisierung und die rasche Zunahme von autonomen Fahrzeugen in Europa zählen. Als Vorsitzender des Forschungsrates Steiermark kündigte er an, dass er die Steiermark als Modellregion in Europa für die Themen New Ecology und erneuerbare Energie empfehlen werde.

Stefanie Lindstaedt kritisierte, dass „zu viel Zeit damit vergeudet wurde, die Vergangenheit zu digitalisieren“. Sie ist der Meinung, dass die Zusammenarbeit neu gedacht werden müsse. Dazu müssten neue digitale Geschäftsmodelle entwickelt und ausprobiert werden, bei denen vor allem die Parallelisierung von Prozessen im Vordergrund steht. Zusätzlich forderte Lindstaedt, dass eine neue Quotenregelung eingeführt werden sollte, die zumindest einen Informatiker pro Vorstand sicherstelle.

Stefan Mangard versteht unter Digitalisierung vor allem die Möglichkeit, Analoges digital zu machen, womit eine gewisse Ortsunabhängigkeit impliziert wird. Daher wird die aktive Gestaltung der Digitalisierung, um die Steiermark erfolgreich im weltweiten Wettbewerb zu positionieren, von besonderer Wichtigkeit sein. Als Professor für Cybersecurity betonte er, dass sich das Sprichwort „Wissen ist Macht“ im Zeitalter der Digitalisierung zu „Daten ist Macht“ weiterentwickelt habe. Entscheidend ist daher, wie man das wichtigste Handelsgut der heutigen Zeit schützen könne.

Digitale Chancen

Betreffend die Chancen der Digitalisierung legt Gerstenmayer besonderen Wert auf die Auseinandersetzung mit den Ängsten der Gesellschaft. Vor allem das autonome Fahren ist ein sehr emotionales Thema, da viele Personen sich durch diese Innovation in ihrer eigenen Freiheit beschränkt fühlen. Den größten Nutzen der Digitalisierung sieht Gerstenmayer im Gesundheitssektor. Die Vereinfachung des Patientenmonitoring gebe Personen die Freiheit, nicht immer auf lange Aufenthalte im Krankenhaus angewiesen zu sein.

Lindstaedt sieht das Lernen als einen wichtigen Anknüpfungspunkt im Rahmen der Digitalisierung. Sie fordert ein Umdenken von „First learn, apply later“, da Lernen und Arbeiten nicht mehr trennbar sind und learn first oft nicht mehr funktioniert. Während Mangard sich für mehr Informatikunterricht einsetzt und das Problem in der Lehrerausbildung selbst identifiziert, warnt Gerstenmayer, dass iPad-Klassen alleine keine Lösung seien. Er betonte außerdem die Wichtigkeit der Mischung aus digitalen und analogen Methoden, da nach wie vor Dinge wie die Grundrechenarten nicht wegzudenken seien. Lindstaedt wünscht sich mehr Unterstützung bei der Erstellung neuer Lerntechnologien, wie das in Estland in Form von living labs bereits gelebt wird.

(c) Fischer

Potentielle Gefahren der Digitalisierung

Abschließend wurden am Podium potentielle Gefahren der Digitalisierung diskutiert. Mangard erkannte durch die Digitalisierung die Eröffnung eines Wettbewerbs der Talente. Durch die geografische Unabhängigkeit sei die first mover Strategie am erfolgversprechendsten, da nicht die beste Idee, sondern die schnellste gewinne. Dem stimmte auch Gerstenmayer zu, er sieht die größte Gefahr der Digitalisierung in der Nichtwahrnehmung potenzieller Chancen. Durch den sukzessiven Wegfall repetitiver Tätigkeiten befürchtet er eine gesellschaftliche Strukturverwerfung. Lindstaed warnte vor einer potentiellen Naivität der Offenheit der Wissenschaft. Sie meinte, dass der Umgang mit gesammelten europäischen Daten genau geplant werden muss.

Nach dieser anregenden Podiumsdiskussion ließ eine intensive Fragerunde erkennen, wie sehr sich alle Anwesenden mit dem Thema Digitalisierung auseinandersetzen. Die Veranstaltung aus der Dialogreihe „Geist & Gegenwart“ bot den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen Einblick in die Chancen, Gefahren und Perspektiven der Digitalisierung aus Sicht von Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft. Das neue Buch „Das digitale Europa“ von den Herausgebern Herwig Hösele und Lojze Wieser ist eine zusätzliche Möglichkeit, die wichtigsten Beiträge des 8. Pfingstdialogs, bei dem über 85 Experten anwesend waren, Revue passieren zu lassen.

Der Dank für die Berichterstattung geht an EFA 2019 Stipendiatin
Viktoria Steffen.

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